- (Bild: Antonio Diaz / iStock / Getty Images Plus)
Auch schlechte Zeiten haben positive Seiten. Wir nehmen uns endlich wieder mehr Zeit. Mehr Zeit für uns, mehr Zeit für unsere Hobbies. Mehr Zeit, um endlich wieder in die wunderbare Welt der Buchstaben einzutauchen, durch selbstkreierte Gedankenlandschaften zu streifen und fiktive Personen kennenzulernen. Hier kommen unsere Buchtipps aus der Redaktion.
Ute Haese
Küstenkrimi
In einem luxoriösen Seniorenwohnpark an der Ostsee geht der Tod um. Scheinbar wahllos rafft er Rentner dahin. Ist das wirklich nur der natürliche Lauf der Dinge oder hilft da jemand nach? Hanna Hemlokks Spürnase juckt. Kaum zu glauben, welche geballte kriminelle Energie diese Senioren zwischen Taubenzüchterverien und Häkelclub entfalten.
Mit vielen, oftmals frechen, Dialogen führt die Autorin vom Schönberger Strand durch die riskanten Ermittlungen von Hanna, selbsternanntes Privat Eye. Auch die anderen Bücher von Uta haben schon begeistert, immer gut zu erkennen an der Möwe auf dem Cover, die für maritime Stimmung sorgt.
Ute Haese: Makrelenblues, emons:, 13 Euro
Gesa Neitzel
Reise zu sich selbst
Vor vier Jahren wagte Gesa Neitzel im südafrikanischen Busch mit der Ausbildung zur Rangerin einen Neuanfang. Darüber hat sie ihr erstes Buch „Frühstück mit Elefanten“ geschrieben. Ihr Mut und ihr beeindruckender Wille, diese Ausbildung durchzuziehen inspirierten mich. Vor allem aber waren es ihre magischen Beschreibungen der afrikanischen Wildnis, die so sanft und doch so gefährlich sein kann, die mich faszinierte und meine Freude auf ihr neues Buch verstärken. Direkt am Anfang von „The Wonderful Wild“ beschließt sie Folgendes: Sie möchte erstens auf die leise Stimme in ihrem Inneren hören und zweitens ihrem alten Leben ein Verfallsdatum geben. Zwölf Monate, mehr als einer Avocado, weniger als einer Dosensuppe. Sie möchte keine Ausreden mehr suchen, sondern einen Weg zurück in die Wildnis und diese leise Stimme wird sie leiten. Auf dieser Suche dürfen wir als Leser sie begleiten. Aber nicht nur das. Auch wir Leser sind aufgefordert, Denkpausen einzulegen. Auch wir begeben uns auf eine Reise zu uns selbst. (Mirjam Stein)
Gesa Neitzel: The Wonderful Wild, ullstein, 15,99 Euro
Daniela Böhle
Abendlektüre für Leckermäuler
Dieses Buch liest sich am besten mit ein paar Keksen in Reichweite. Denn spätestens, wenn Nina ihr Praktikum in der Konditorei des wortkargen Sven beginnt, bekommt jeder eine Menge Appetit auf Süßes. Dieses Buch handelt jedoch nicht von einer 16-jährigen Teenagerin auf Ausbildungssuche. Es geht um die über 40-jährige Nina Scheibe, Chefsekretärin in einem Berliner Krankenhaus, die durch das Praktikum ihren Traumjob findet. Wären da nicht die Männer, die alles kompliziert machen. Ihre Freundin hat sie nämlich bei einer Partnerbörse angemeldet. Aus dem mutigen Schritt, den Nina mit dem Praktikum wagt, entsteht nicht nur ein kleines Tortenunternehmen. Für sie entwickelt sich so viel mehr. (Mirjam Stein)
Daniela Böhle: Schmetterlinge aus Marzipan, dtv, 9,95 Euro
Tipp der Buchhandlung Almut Schmidt
Janna Steenfatt
Im Theater zuhause
Janna Steenfatts großartiges Debüt erzählt die Geschichte von Ina, die für sich bisher keine großen Erwartungen an das Leben formulieren konnte. Ihre Beziehungen sind bisher keine ernsthaften und eher Phasen in der persönlichen Entwicklung. Auf Wohnungssuche in Hamburg findet sie ein WG-Zimmer bei Falk, mit dem sie sich anfreundet. Er liebt sie und sie weiß von seinen Gefühlen. Beide blenden dies aber gekonnt aus. Als Inas Mutter stirbt, ist es Falk, der alles organisiert. Die Mutter war Schauspielerin, weshalb Ina oft umgezogen ist und jede neue Spielzeit verlangte von ihr viel familiären Verzicht. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Als die Mutter aber eines Tages angetrunken war, verriet sie den Namen. Es ist Wolf, der gerade jetzt in Hamburg anreist, um im Schauspielhaus Shakespeares „Sommernachtstraum“ zu inszenieren. Ina will ihren Vater endlich treffen und nimmt einen Job in der Schauspielkantine an. Die Atmosphäre im Theater lässt sie ankommen. Sie atmet diese Welt ein und kann sich langsam öffnen, vor allem als sie die Schauspielerin Paula kennen und lieben lernt. Auch ihrem Vater begegnet sie im Theater. Aber wie sich das Gefühlsleben von Ina entwickelt, ihr hin und her zwischen Falk und Paula und ob sie sich ihrem Vater zu erkennen gibt, soll selbst erlesen werden.
Ein Roman, der mit der Handlung und den gut gezeichneten Charakteren, sehr überzeugt. Der Text glänzt in den Beschreibungen der einzelnen Beziehungen. Die Suche nach Geborgenheit und das Angenommenwerden sind hier glaubhaft mit Humor und Einfühlungsvermögen erzählt. Durch Kleinigkeiten werden die Dinge groß, die nur auf den ersten Blick überflüssig erscheinen.
Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge, Hoffmann und Campe, 22 Euro, www.buchhandlung-friedrichsort.de, www.leseschatz.com
Helge Timmerberg
Die Suche nach dem Yogi
Die Frankfurter Rundschau beschreibt ihn als „der tollste, schrillste, unterhaltsamte und dabei weiseste deutsche Reiseschriftsteller“. Helge Timmerberg hat sein nächstes Buch veröffentlicht. Ich persönlich kannte seine Bücher noch nicht, aber eine Kollegin ist völlig ausgeflippt vor Freude, als sie von „Das Mantra gegen die Angst oder Ready for Everything“ erfuhr. Also habe ich mich drauf eingelassen und wurde sofort in den Timmerbergschen Bann gezogen. Und laut meiner Kollegin, die den Vergleich zu seinen anderen Büchern hat, steht das Neue den Alten in nichts nach. Worum es geht? Timmerberg sucht den Yogi, den er bei seiner Pilgerreise im Annapurna-Massiv vor fünfzehn Jahren traf. Dieser vertraute ihm ein Mantra gegen die Angst an. Ein Geschenk, das Timmerberg gegen seine Angst vor großen Hunden und vor Türstehern, vor Talkshow-Moderatoren und vor den Lesern seiner Bücher half. Er sucht den Yogi, um herauszufinden, wie geheim das Mantra wirklich ist, ob er überhaupt darüber schreiben durfte. (Mirjam Stein)
Helge Timmerberg: Das Mantra gegen die Angst oder Ready for Everything, Piper, 20 Euro
Petra Dittrich mir Rainer Moritz
Ein Buch über eine Buchhandlung
Direkt am trubeligen Marktplatz von Gingst auf der schönen Insel Rügen hat sich Petra Dittrich ihren Lebenstraum erfüllt: Nach zwanzig aufregenden Jahren in der Großstadt eröffnet sie hier eine eigene Buchhandlung – trotz Risiken und Nebenwirkungen. Gemeinsam mit Rainer Moritz, dem Leiter des Literaturhauses Hamburg, berichtet sie in „Meine Buchhandlung“ von diesem besonderen Ort, den sie dort geschaffen hat. Denn schon nach kurzer Zeit wird ihr Laden zu einem Wohnzimmer – für sie selbst wie auch für all die Menschen, die sie hier besuchen und sich von ihren Leseempfehlungen inspirieren lassen.
Petra Dittrich mit Rainer Moritz: Meine Inselbuchhandlung, Eden Books, 16,95 Euro
Anne Müller
Voller Erinnerungen
Was bleibt von der Familie, wenn die Eltern sterben? Wie verändern sich dadurch die Rollen von Geschwistern? Und wie sehr sind Erinnerungen an Menschen und Erlebnisse mit Gegenständen verknüpft?
Autorin Anne Müller wuchs in Schleswig-Holstein auf und lebt in Berlin. Nach ihrem Roman „Sommer in Super 8“ ist „Zwei Wochen im Juni“ ihr neuer Roman, der sie wieder in ihre Heimat an der Ostsee führt. Ohne das Meer geht es nicht. Und ohne Familie auch nicht.
Ada und ihre Schwester Toni haben sich nach dem Tod ihrer Mutter dazu entschieden, das Elternhaus mit Meerblick zu verkaufen und müssen nun alles ausräumen. Das wird nicht einfach, denn sie lieben ihr Elternhaus an der Ostsee mit dem herrlichen Bauerngarten. Mit dem Ausräumen beginnt eine Reise in die Vergangenheit, denn manche Fundstücke erzählen ihre Geschichten und lassen die beiden Schwestern in Erinnerungen schwelgen. Ein Brief der Mutter, den sie im Sekretär finden, lässt Ada Mut fassen und sie beschließt, ihren eigenen Sehnsüchten zu folgen.
Anne Müller: Zwei Wochen im Juni, Penguin Verlag, 18 Euro (erscheint am 21. April)
Karen Köhler
Miroloi
Gemeine Namen wie „Eselshure“ und „Schlitzi“ muss eine junge Protagonistin über sich ergehen lassen, im „Schönen Dorf“, in dem sie lebt. Für ihren Roman „Miroloi“ hat sich Karen Köhler eine imaginäre Insel ausgedacht, die vor Rückständigkeit, Gemeinheit, Sexismus, Religiosität und Idealismus nur so strotzt. Und hier muss sich „das Mädchen“, das einst in Zeitung eingewickelt vor dem Bethaus abgelegt wurde, behaupten, überleben, sich selbst finden. Ein großartiger Roman, der traurig und wütend macht, der aufwühlt und Mut gibt: Und alles in einer Sprache, die sich für einen Roman noch außergewöhnlicher liest, als die Begebenheiten, die darin eine Rolle spielen.
Karen Köhler: Miroloi, Hanser Verlag, 24 Euro
Für die Kids
Sven Nordqvist
Hinein ins Wunder-Wimmelland
Ein Junge geht mit einem Hund Gassi. Was er unterwegs alles sieht, zeigt dieses Wimmelbuch. Auf einer Bimmelbahn geht es in schwindelerregende Höhen, an gigantischen Baumhäusern vorbei, durch ein labyrinthisches Schloss. Man wandelt durch einen versteinerten Park und einen Zoo, gelangt in ein verrücktes Vergnügungszentrum und begegnet schließlich dem Künstler selbst, der an einer Klippe stehend ein Strichmännchen zeichnet. Dem Schöpfer von „Pettersson und Findus“ ist mit diesem Buch wahrlich ein Meisterwerk voll hintergründigem Humor und skurriler Details gelungen, in dem sich nicht nur kleine Betrachter mit großen Augen verlieren können!
Sven Nordqvist: Spaziergang mit Hund, Oetinger, 20 Euro, ab 4 Jahre
Simon van der Geest
Clevere Familienzusammenführung
Weil Mama und Papa wegen eines Streits Zeit für sich brauchen, wird die zwölfjährige Vonkie für eine Woche auf den stinkenden, todlangweiligen Hof ihres Großvaters geschickt. Aber Vonkie fragt ihrem mürrischen Opa bald Löcher in den Bauch. Dabei kommt sie Stück für Stück einer dramatischen Familiengeschichte auf die Spur: Was ist damals in der Spukmühle und mit der Müllerstochter passiert? Warum haben Opa und sein Lieblingsbruder seit 50 Jahren keinen Kontakt mehr? Schlau und hartnäckig schnüffelt Vonkie weiter und fädelt mit vielen Tricks und Lügen ein Wiedersehen der beiden verfeindeten Brüder ein. Schließlich geht’s hier um Familienzusammenführung – und die braucht Vonkie auch bei ihren Eltern und deren blödem Erwachsen-Getue unbedingt! Ein ebenso sensibles wie mutiges Plädoyer gegen das Schweigen und ein großartiger Kinderroman aus der Feder des preisgekrönten niederländischen Nachwuchsautors, der hier federleicht und doch mit Tiefgang Damals und Heute verquickt. Ein dunkles Geheimnis, eine beeindruckende Heldin – eine spannende wie berührende Familiengeschichte.
Simon van der Geest: Das Abrakadabra der Fische, Thienemann, 15 Euro, ab 10 Jahre