- Redakteurin Jana Kringel traf Laith Al-Deen kurz vor seinem Auftritt im Backstage Bereich der Bühne am Ostseekai
- Laith Al-Deen bringt aktuell sein neues Album „Bleib unterwegs“ heraus
KIELerLEBEN-Redakteurin Jana Kringel traf Sänger Laith Al-Deen vor seinem Kieler-Woche-Konzert auf der Bühne am Ostseekai und sprach mit ihm über sein neues Album, das Gefühl von Verlorenheit auf hoher See und toten Fisch.
KIELerLEBEN: Du bist in deiner Karriere schon viel herumgekommen. Gibt es einen Auftritt, an den du dich besonders positiv zurückerinnerst?
Laith: Nein. Ich finde es ganz schwer, sich diesbezüglich festzulegen. Es gibt vielleicht Konzerte, die ein größeres Highlight als andere waren, aber ein einziges herauszusuchen … Ich erinnere mich an den Marienplatz in München vor ewigen Jahren. Zum Soundcheck um 12 Uhr schien die Sonne und der Acker war voll. Zum Konzert um 18 Uhr war dann niemand mehr da, weil es so nass war. Es standen vier Leute vor uns in Regenklamotten. Für die haben wir dann eine Stunde gespielt. Echtes Highlight! (lacht).
Wenn du an deine letzten Auftritte mit toller Stimmung denkst, kann Kiel da mithalten? Warum zieht es dich immer wieder in die Fördestadt?
Das ist eine gute Frage (lacht). Das ist jetzt meine achte oder zehnte Kieler Woche. Ich glaube, ich habe nur ein einziges Mal davon in der Sonne gespielt. Aber die Leute, die kommen, lassen sich nicht vom Wetter beeindrucken. Das macht es für mich aus. Die Atmosphäre war jedes Mal großartig und es macht Spaß, hier zu spielen.
Dein Album „Was wenn alles gut geht“ war ein großer Erfolg. Kannst du ihn mit deinem neuen Album „Bleib unterwegs“ noch toppen?
Ich sehe gute Chancen (zwinkert). Aber den Vergleich zu ziehen, ist sehr schwierig. Das neue Album ist nicht allzu weit weg von der Historie der letzten Alben, aber es fängt etwas von vorne an, es markiert einen neuen Zeitabschnitt. Diese Sicht verfolge ich verstärkt seit dem letzten Album und damit funktioniert es für mich viel besser. Man lässt ein Stück von dem Leistungsdruck los.
Dein neues Album beginnt mit dem Titel „Alles hat seine Zeit“. Der Albumtitel lautet „Bleib unterwegs“. Darin steckt zum einen, sich Zeit zu nehmen, zum anderen forderst du aber geradezu zur Dynamik auf – ist das nicht ein Widerspruch?
Ja. Aber kein ungesunder, wie ich finde. Die Dynamik entsteht für mich aus dem Prozess des Loslassens und Sich-Findens, der seine Zeit braucht, und aus den neuen Dingen, die zu einem kommen, wenn man in Bewegung beziehungsweise unterwegs bleibt.
Was musstest du denn loslassen? In „Im Vorbeigehen“ singst du ja auch davon, dass du zu weit rausgeschwommen bist und auf hoher See verloren gegangen bist …
Der Song steht stellvertretend für Situationen, in denen man übers Ziel hinausschießt. Das können Dinge sein, die zu einer Trennung geführt haben. Das können Dinge sein, in denen man etwas wagt und feststellt, dass man damit in die Quere fährt. Der Klassiker an der Stelle ist, in Selbstmitleid zu versinken. Ich hatte das Gefühl, dass es in den letzten vier bis fünf Jahren musikalisch Tendenzen des Rumheulens gab aufgrund von Situationen, die ich nicht ändern konnte. Jetzt steht die Entwicklung des Durchhaltens für mich im Vordergrund. Man muss aktiv werden und etwas verändern, wenn man unzufrieden ist.
Du gibst in deinen Texten viel preis von dir und deinen Emotionen. Tust du das für dich selbst oder damit deine Fans dich genau so kennen wie du bist?
Ich habe festgestellt, dass es mir viel bringt, wenn ich sie teile und ganz viel Feedback bekomme. Über meine Facebook-Aktion „Unsere Geschichte“, habe ich meine Fans dazu eingeladen, mir ihre Geschichten unserer letzten 15 Jahre, wenn es sie denn gibt, zu erzählen. Es haben viele Leute teilgenommen, die mich von Anfang an begleiten. Teilweise habe ich erschütternde Dinge gelesen. Geschichten, die das Leben in eine dunkle Richtung lenken, kommen viel häufiger vor als die positiven. Eigentlich sollte dazu ein Song auf dem Album entstehen. Die Resonanz und der private Einblick, der mir gegeben wurde, waren aber so groß, dass meine Fans mit ihren Geschichten am Ende das ganze Album mitgestaltet haben. Es ist großartig, diese Gemeinschaft zu erzeugen.
Laith Al-Deen bringt aktuell sein neues Album „Bleib unterwegs“ heraus
Du bist der Sohn eines Irakers und einer Deutschen. Haben deine Wurzeln deine Musik beeinflusst?
Mein Dad steht ausschließlich auf arabische Musik und Frank Sinatra (lacht). Also Gesang wird bei ihm auf jeden Fall groß geschrieben. Leider kann ich selbst kein Arabisch und es ist ohne Textbezug schwer, die Musik nachzuvollziehen. Es gibt im neuen Album einen leicht im Orient angelegten Teil. Ansonsten habe ich das bisher nicht auf die Spitze getrieben.
Was ist charakteristisch für dich, bevor du auf die Bühne gehst? Hast du irgendeinen Tick oder verfolgst ein Ritual?
Schnaps (lacht). Dabei geht es gar nicht ums Saufen. Aber wir kommen alle vor einem Konzert nochmal zusammen. Das lockert auf. Wir bestellen eine Flasche Schnaps, umarmen uns und gehen auf die Bühne.
Wenn du mal Freizeit hast, was tust du dann am liebsten?
Ich verbringe Zeit mit Freunden und koche gerne – dann auch mal arabisch. Eigentlich will ich mit meiner Familie seit Jahren ein arabisches Restaurant eröffnen, aber die wollen einfach nicht (lacht). Außerdem fahre ich gerne Motorrad.
Hast du nach dem Konzert noch Zeit für ein Fischbrötchen auf der Kieler Woche?
Ich taste mich jetzt seit zehn Jahren an Fisch heran. Aber wenn ich so einen toten Fisch aus dem Brötchen gucken sehe, denke ich immer – nein. Morgen Früh geht es für mich außerdem gleich weiter.
Das Interview führte Jana Kringel