- Nur den ersten und letzten Kilometer sind wir alle gemeinsam gelaufen – dazwischen ging es jeweils allein weiter (Bild: Julia Seifert)
- Beim gemeinsamen Start ins Laufwochenende war die Motivation bei allen riesig (Bild: Felix Will)
- Als die Knie müde werden, verschlägt es uns auf die gelenkschonende Laufbahn (Bild: Felix Will)
Schmerzende Beine, verschwitzte Körper und viele Emotionen – wieso sich zehn Sportbegeisterte bei einem 31-stündigen Lauf an ihre Grenzen bringen.
Es ist 1.46 Uhr – mitten in der Nacht. Ich höre nichts außer meinen dumpfen Schritten auf dem Asphalt und meinem eigenen dröhnenden Pulsschlag in den Ohren. Vor mir tanzt der Schein meiner Stirnlampe auf der verlassenen Straße. Abwechselnd mit neun weiteren verrückten Sportbegeisterten laufe ich bereits seit fast 13 Stunden durch die Parks und Straßen des Kieler Westufers und noch ist nicht einmal die Hälfte geschafft. Wir nehmen am „The Speed Project“ teil, einem internationalen Lauf, der normalerweise in den USA stattfindet. Dieses Jahr ist alles anders und die teilnehmenden Teams erlaufen in ihren jeweiligen Heimatstädten in 31 Stunden und 15 Minuten so viele Kilometer wie möglich.
Mittlerweile macht sich der fehlende Schlaf bemerkbar, die Beine werden schwerer und meine Knie schmerzen – von Spaß am Laufen kann ab jetzt keine Rede mehr sein. Ich frage mich, warum ich das Ganze eigentlich mache, die Antwort kenne ich aber selbst gut genug: Einerseits ist das Gefühl, den eigenen Körper beim Sport an seine Grenzen zu bringen, unbeschreiblich. Viel mehr aber ist es das Miteinander, das Gemeinschaftsgefühl. Zehn Sportler*innen, die anderthalb Tage lang ohne Pause zusammen durchlaufen.
Bevor ich den Gedanken ans Abbrechen zu Ende bringen kann, nähert sich der hämmernde Bass der Musikbox aus der Ferne. Mein Teamkollege tritt in die Pedale und holt mich mit dem Fahrrad und lauter motivierender Musik im Gepäck ein. Er lacht mich an, ruft mir schnaufend entgegen: „Durchziehen, Gina!“ und zieht an mir vorbei, damit ich mein Tempo erhöhe.
Zehn Stunden später löst mich zum wiederholten Male eine Mitläuferin ab, die unseren imaginären Staffelstab weiterträgt. Das bedeutet für mich eine kleine Verschnaufpause. Die Stimmung in unserem Lauf-Camp erinnert während der Pausen an Festivalfeeling: Kiloweise Nudeln stehen in der provisorischen Küche auf dem Herd, Schlafsäcke und Isomatten pflastern den Fußboden in dem Coworking-Space, den wir für das Wochenende belegen, an Schlaf ist jedoch nicht zu denken und ständig wird sich über die Musikauswahl gestritten. Der einzige Unterschied zum Festival-Leben: statt Alkohol fließt nur der Schweiß in Litern.
Auch wenn alle Läufer*innen die eigenen sportlichen Ziele dieses Wochenendes vor Augen haben, steht der Teamgedanke im Vordergrund. Statt persönlicher Bestzeit geht es um die gesammelten Kilometer in der Gruppe. Ich bin überwältigt von dem Einsatz, der Hilfsbereitschaft und der Selbstlosigkeit jedes einzelnen Mitglieds unserer laufsüchtigen Truppe.
Es mag absurd klingen, den eigenen Körper so sehr bis zur Erschöpfung herauszufordern, dass Tränen fließen, und dafür auch noch eine Startgebühr zu bezahlen. Als Teilnehmerin weiß ich nach diesem Wochenende aber einmal mehr, wieso ich mich für dieses Event angemeldet habe: weil Emotionen im Sport einzigartig und unvergleichbar sind.